Wandel »inside the box«

Veröffentlicht von
|

Die Schule muss sich wandeln. Der Wunsch vieler Akteure im Schulsystem nach ruhigen Phasen ohne Modifi­ka­tionen, weil sie dann ihre Energie aufs »Kerngeschäft« fokussieren könnten, ändert nichts daran, dass sich auch dieses »Kern­geschäft« wandelt: Weil sich Wissen und gesellschaft­liche Strukturen verändert haben und immer schneller verändern, ändern sich auch das Lernen, das Lehren, die Schule und die Bildung.

Schulentwicklung – wenn damit eine Reaktion auf die Erfordernis eines Wandels gemeint ist – beginnt oft mit einer Sammlung von Ideen, Visionen, Modellen oder Bildern, mit denen sich die Zukunft der Schule charak­terisieren lässt. Seit Jahrzehnten gibt es die Vorstellungen von offenen Lernarrangements, die sich je nach Methode neu zusammenstellen lassen, nach Inter­diszipli­narität, neuen zeitlichen Strukturen, Selbstlernen.

Schulentwicklung voranzutreiben, indem im Team eine Vision entwickelt wird, scheint naheliegend. Ich halte das aber für eine sinn­lose Vorgehensweise. Wir Lehrpersonen (ich gehöre auch dazu) finden als Kollektiv kaum innovative Lösungen, weil wir alle in unserem Alltag gerade durch organisatorische, logistische und Ressourcenfragen bestimmt wer­den. Ein Beispiel:

Beliebte Gedankenexperimente unter Päda­gogen kreisen um die Auflösung des Stunden­rhythmus. Flexiblere und größere Gefässe, die wenn möglich auch die Fächer­grenzen auf­lösen, scheinen attraktiv für innovative Lehr- und Lernformen. Sie bedingen aber auch Absprache und Lehrpersonen und gemein­same Anwesenheit auch außerhalb von Lektionen, für die man bezahlt wird. Und daran, so meine Beobachtung, scheitern sie meistens. Warum sollte man sich also nicht dem hingeben, was man auf Englisch »think outside the box« nennt? Weil – so denke ich – die Box deshalb nicht weggeht. Man denkt und kriecht danach wieder in die Box rein. Denken allein verändert die Welt nicht. Schon oft habe ich Kärtchen mit meinen Visionen für die Schule in 20 Jahren bemalt. Die Kärtchen wurden eingesammelt, protokolliert und das Tagesgeschäft lief weiter.

Meine Kritik bezieht sich nicht auf die Vorstellung des Wandels an sich, sondern die abstrakte Art, ihn anzu­packen. Wenn Schülerinnen und Schüler nicht motivieren können zu lernen, dann ist das ein Missstand, für den ich nicht erst die Schule der Zukunft entwerfen muss, um ihn zu beheben. Ich kann in meinem Unterricht etwas ändern – mit ihnen sprechen, sehen, was ihre Motiviation hemmt, was sie befördert, und dann han­deln. Im Kleinen, in der Box drin. Und wenn ich das tue, dann erweitere ich die Box, vielleicht verlasse ich sie. Ich muss nicht außerhalb der Box denken, sondern mich aus ihr rausbewegen.

Konkret – was tue ich heute schon dafür?

  1. Ich höre Schülerinnen und Schülern zu, wenn sie über die Schule, das Lernen und Ihre Motivation sprechen.
  2. Ich informiere mich – noch zu wenig – welche Inhalte und Methoden andere Lehrpersonen der Klasse verwenden und spreche mich ab.
  3. Ich lasse die Schülerinnen und Schüler Inhalte mitbestimmen.
  4. Ich mache Angebote, aus denen Schülerinnen und Schüler auswählen können.
  5. Ich arbeite mit Portfolios und sozialen Medien.
  6. Ich lasse die Lernenden Kriterien und Bewertungen mitbestimmen.

Wandel findet an der Schule wie in sozialen Medien statt: Bottom up, denke ich. Innovative Ideen verbreiten sich, viral, meinetwegen. Sie können nicht verordnet werden. Wenn 100 oder 200 Menschen über ihre Visio­nen nachdenken, finden sie nicht eine, hinter die sie sich alle stellen können. Wenn aber alle daran ar­beiten, ihren Unterricht zu verbessern, innerhalb der Möglich­keiten, dann kommen sie Schritt für Schritt weiter.

Philippe Wampfler ist Gymnasiallehrer für Deutsch, Philosophie und Medienkunde.
 
 

Kommentare

  1. Profilbild von Jörg Kleinsteuber

    Jörg Kleinsteuber

    02.02.2015

    Hallo Philippe,

    ich kann Deinen Überlegungen zur “Schul-Box” zustimmen und möchte dazu einen Tipp geben, wie man noch mehr Feedback von den Schülern bekommen kann und gleichzeitig sieht, wie weit sich die eigenen Vorstellungen von denen der Schüler unterscheiden:

    Eine Online-Evaluation der Uni Jena ist (für mich) eine tolle Variante, um zu sehen, wie ich und meine Schüler den Unterricht wahrnehmen. Durch den Vergleich der beiden Perspektiven (Schülersicht und Lehrersicht :-) ) können konkrete Anregungen für die Weiterentwicklung des Unterrichts mit den Schülern besprochen und umgesetzt werden. Die Auswertung, die man umgehend erhält, ist für mich eine große Hilfe und die Schüler fühlen sich dadurch als Mitgestalter des Unterrichtes, was enorm wichtig ist!

    LINK: http://www.sefu-online.de

Kommentar schreiben …

Melde dich an, um zu kommentieren oder registriere dich, um im Netzwerk selbst aktiv zu werden.


Mittwoch, 20. September 2017

People Who Like Thisx

Loading...